Original
Andreas=Abend.
Es ist erklärlich und natürlich, daß junge Mädchen sich gern verehelichen möchten, darin findet kein Mensch etwas Auffälliges und Besonderes. Es kann aber einem Mädchen nicht gleichgültig sein, ob es bald, oder erst nach vielen Jahren, oder ob es gar nicht heirathen wird. Den Zeitpunkt, wann ein Mädchen aus dem leidigen ledigen Stand in den der Ehe tritt, zu erfahren, das ist bei dem jungen weiblichen Volk Gegenstand ernstester Forschung, und keine Gelegenheit läßt man vorübergehen, um das Orakel über dieses wichtige Ereigniß zu befragen. Ein sehr geeigneter Tag für dieses Geschäft ist der Andreas-Abend am 30. November.
Am Abend dieses Tages gehen junge Mädchen, wenn bereits Licht angezündet ist, in die Nachbarschaft, stellen sich an das Fenster einer Wohnung und fragen leise: „Werde ich dieses Jahr heirathen?" Das erste Ja oder Nein, welches in der betreffenden Wohnung gesprochen wird, ist die zutreffende Antwort auf die gestellte Frage. — Ferner werfen an jenem Abend junge Mädchen einen Stock auf einen Baum. So viel Mal der Stock herunter fällt, so viel Jahre vergehen noch bis zur Verheirathung der Heirathslustigen, bleibt der Stock das erste Mal oben, so erfolgt die Hochzeit noch in demselben Jahre. — Folgendes Orakel wird viel angewendet. Es versammeln sich mehrere Mädchen in einem Zimmer (dies gilt nur am Andreas-Abend), in welches ein Gänsrich gebracht wird. Diesem werden die Augen verbunden und derselbe dann losgelassen, während die Mädchen den Gänsrich im Kreise umstehen. Dasjenige Mädchen, welches von dem Gänsrich zuerst am Kleide gefaßt wird, heirathet von allen diesen zuerst. — Andere wieder kennen folgendes Verfahren: Sie gehen unter tiefem Schweigen an einen Kirschbaum, schneiden von diesem Reiser ab und stellen sie in ein Gefäß mit Wasser. Blühen die Reiser am Weihnachtsabend, so können die Mädchen ihrer Verheirathung mit Gewißheit entgegensehen. — Fast überall verbreitet ist das Bleigießen am genannten Tage. Durch das Eingießen des flüssigen Bleies ins Wasser entstehen allerhand unförmliche Klumpen und Figuren. Ein Kranz von Blei bedeutet Hochzeit, ein Sarg den Tod.
Translation
St. Andrew's Eve.
It is understandable and natural that young women should wish to marry; no one finds anything remarkable or unusual in that. But a girl cannot be indifferent to whether she will marry soon, or only after many years, or perhaps not at all. Learning the point in time when a girl passes from the tiresome unmarried state into that of marriage is a matter of the most earnest inquiry among young women, and no opportunity is let pass to consult the oracle on this important matter. A very suitable day for this business is St. Andrew's Eve, on the 30th of November.
On the evening of that day, once the lamps have been lit, young women go into the neighbourhood, stand at the window of a dwelling, and ask softly: "Will I marry this year?" The first yes or no spoken within that dwelling is taken as the true answer to the question asked. On that same evening, young women also throw a stick up into a tree. However many times the stick falls back down, that many years will still pass before the marriage of the hopeful girl; but if the stick stays up on the first throw, the wedding will take place that very year. The following oracle is also widely used. Several girls gather in a room — this is done only on St. Andrew's Eve — into which a gander is brought. The bird's eyes are bound, and it is then let loose while the girls stand around it in a circle. Whichever girl the gander first takes hold of by her dress will be the first of them all to marry. Others again know the following method: in deep silence, they go to a cherry tree, cut twigs from it, and set them in a vessel of water. If the twigs blossom by Christmas Eve, the girls may look forward to their marriage with certainty. Almost everywhere, the pouring of molten lead is practised on this day as well. By pouring liquid lead into water, all manner of shapeless lumps and figures are formed. A wreath of lead signifies a wedding, a coffin signifies death.
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