Original
Das Höllenthal.
Das Glatz-Neissische Grenzgebirge wird in der Nähe der Höllenkoppe, zwischen Rengersdorf und Bielendorf, von einer engen Schlucht durchbrochen, welche vom Landvolke, insbesondere zur Nachtzeit, ängstlich gemieden wird und über welche allerhand sagenhafte Dinge erzählt werden. Die Schlucht heißt im Volksmunde „Die Hölle.“ Das Volk ist des festen Glaubens, daß „der Leibhaftige“ sich jene Schlucht zum Aufenthalt erwählt habe, sich gewissen Personen in seiner wahren Gestalt zeige und auch denjenigen, die nicht durch Reliquien oder ähnliche Dinge besonders geschützt sind, ein Leid zufügen könne. Ueber den Ursprung dieser Sage selbst ist nichts Bestimmtes bekannt, dagegen werden grausige Geschichten erzählt, die sich im Höllenthal zugetragen haben sollen. Unter Anderem kam einst eine Frau mit ihrer Tochter in später Stunde aus einer benachbarten Mühle, und diese mußten das gefürchtete „Höllenthal“ passiren. Die Mutter zog einen Karren, auf welchem sich Mehl befand, während die Tochter dahinter ging und den Karren vor sich schob. Es war Mitternacht geworden und überall herrschte tiefe Finsterniß. Da begann plötzlich, als die zwei sich in dem „Höllenthal“ befanden, ein so furchtbarer Steinregen von den Seiten der Schlucht, daß durch den Anprall der herabfallenden Steine mächtige Feuerfunken sprühten und die grausige Scenerie mit düsterem Lichtschimmer beleuchteten. In der namenlosen Angst und in der Befürchtung, von dem Steinhagel getroffen zu werden, erinnerte sich dem Mutter, die auf unsicheren Orten ihren Weg zwischen den Wagengeleisen nehmen, kein Leid zustoßen könne, weshalb Mutter und Tochter sich bemühten, sich möglichst in der Mitte der Schlucht zu halten. So gelang es den beiden, unbehelligt nach Hause zu gelangen. Seit jener Zeit wagt selten jemand, in der Mitternachtsstunde durch das „Höllenthal“ zu gehen.
Translation
The Hell Valley.
The Glatz-Neisse border mountains, near the Höllenkoppe, between Rengersdorf and Bielendorf, are cut through by a narrow ravine which the country folk anxiously avoid, especially at night, and about which all manner of legendary things are told. The people call the ravine "Hell." It is firmly believed that "the Evil One himself" has chosen that ravine as his dwelling place, that he shows himself in his true form to certain people, and that he can do harm to those not specially protected by relics or similar things. Nothing definite is known about the origin of this legend itself, but gruesome stories are told of things said to have happened in the Hell Valley. Among others, a woman once came late at night with her daughter from a nearby mill, and they had to pass through the dreaded "Hell Valley." The mother pulled a cart on which there was flour, while the daughter walked behind, pushing the cart before her. It had grown to be midnight, and deep darkness reigned everywhere. Then suddenly, as the two of them found themselves in the "Hell Valley," such a terrible hail of stones began from the sides of the ravine that the impact of the falling stones sent up mighty sparks of fire, lighting the ghastly scene with a dismal flickering glow. In their nameless terror, and fearing to be struck by the hail of stones, the mother recalled that no harm could come to anyone who kept to the safer ground between the cart-ruts, and so mother and daughter strove to keep as much as possible to the middle of the ravine. In this way the two of them managed to reach home unharmed. Since that time, few people have dared to walk through the "Hell Valley" at the midnight hour.
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