Silesian Folk Belief

Der Erntekranz

Schlesiens volkstümliche Überlieferungen. Sammlungen und Studien der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde. Bd. 2, Tl. 1: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. Leipzig: B. G. Teubner, 1906. pp. 68–70.

Original

426. In den meisten Gegenden Schlesiens, namentlich da, wo noch größerer Besitz in einer Hand vereinigt ist, wird das Erntefest, der Weizenkranz, das Haferfest, in großartiger Weise gefeiert. In irgend einem bevorzugten Hause, das für diese Ehre Gastfreundschaft üben muß, bei der „Waezekranzmutter", winden Sonnabend zum Feierabende die Mädchen den Erntekranz, die Erntekrone, aus Getreideähren, Eichenlaub, Blumen, Goldpapierstreifen; oben prangt ein vergoldeter Mohnkopf mit einem Fähnlein, und lang herab hängt eine rote Schleife, oft auch Schnüre mit Rosinen, Mandeln und anderen Näschereien. Das Ganze stellt ein Cornu copiae dar.

Sonntag nach der kirchlichen Feier wird der „Weizekranz" abgeholt und von dem stattlichsten Mädchen, der Weizenjungfer oder Weizenbraut (Wêsbraut), in Begleitung eines zweiten Mädchens, auf dem Kopfe oder auf einem großen weißen Teller nach dem Gutshofe getragen. Voran schreiten Musikanten, hinter den beiden Mädchen die anderen Mädchen und Weiber, es folgen die Mähder und Drescher. Mancherorten tragen dabei die Arbeiterinnen ihre mit Blumen geschmückten Rechen, die Männer ebenso ihre Sensen hoch erhoben. „Oben", wo der Gutsherr mit seiner Gemahlin den Zug empfängt, überreicht die Trägerin den Erntekranz mit einem Spruche, etwa:

Herr N., hier bringen wir den Kranz,
Er ist gebogen und gezogen,
Die schöne Nachtigall ist durchgeflogen.
Wollen Sie die schöne Nachtigall wieder haben,
So müssen Sie den Kranz auf den Händen tragen.
Möchten Sie so viel Malter Weizen geerntet haben,
Als Körnlein wir auf diesem Kranze tragen.

Oder:

Wir bringen Ihnen den Erntekranz,
Mit Weizen ist er angepflanzt,
Mit Weizen nicht allein,
Andre schöne Blümlein sind auch dabei.
Wir haben gebunden und auch gewandt,
Sind manchmal hin und her gerannt.

Nun wollen wir dem Herrn N. N. wünschen, soviel wie dieses Jahr Ähren, sollen übers Jahr Gelege, soviel wie übers Jahr Gelege, sollen übers Jahr Garben und Schock im Felde stehen. (Gr. Peterwitz bei Neumarkt.)

Im Kreise Neumarkt singt man ein achtstrophiges, im Oelser Kreise (Klein-Ellguth) ein kürzeres Lied, dessen Anfang lautet:

In lautem Jubel bringen wir
Den schönen Erntekranz;
Mit vollen Ähren prangt er hier
Noch mehr als Goldesglanz;
vgl. Mitteil. IX, 85 f.

Dann hält der Vormäher oder Druschmann eine kurze Ansprache an die gnädige Herrschaft, trinkt unter einem Tusche auf das Wohl und Gedeihen der Landwirtschaft und bringt ein Hoch auf den Herrn und die Frau aus. Hierauf singen alle einen Choral oder: Großer Gott, wir loben dich! Wenn der Gnädige die Ansprache erwidert und den Hauptpersonen ein Geldgeschenk ('s Ârngeschenke) eingehändigt hat, setzt sich der Zug nach einer Tenne oder einem freien Platze in Bewegung. Die Musik spielt eine Polonaise. Der Großknecht oder Vormäher holt die gnädige Frau, die Großmagd den Herrn oder den Beamten, und bald dreht sich alles im Tanze. Oft werden auch einige alte Tänze, wie der Kosakentanz, der in einem marschmäßigen Vor- und Zurückgehen besteht, oder der „alte Deutsche", der Barbiertanz, die Hühnerscharre u. a. aufgeführt. Przbl. 1864, 707. Gewöhnlich tanzt man später unter allgemeiner Beteiligung im Kretscham weiter.

Translation

426. In most parts of Silesia, particularly where larger estates are still concentrated in one hand, the harvest festival — the wheat wreath, the oat festival — is celebrated in grand style. At some chosen house obliged to extend hospitality for this honor, under the "wreath-mother," the girls braid the harvest wreath, the harvest crown, on Saturday evening from ears of grain, oak leaves, flowers, and gold paper strips; on top gleams a gilded poppy head with a small flag, and a long red ribbon hangs down, often also strings of raisins, almonds, and other sweets. The whole represents a cornucopia.

On the Sunday after the church service, the "wheat wreath" is fetched and carried to the manor by the finest-looking girl, the wheat maiden or wheat bride, accompanied by a second girl, either on her head or on a large white platter. Musicians lead the way, followed by the two girls, then the other girls and women, and finally the mowers and threshers. In some places the female workers carry their rakes decorated with flowers, while the men likewise hold their scythes raised high. "Above," where the lord of the estate and his wife receive the procession, the bearer presents the harvest wreath with a verse, such as:

Sir N., here we bring the wreath,
It has been bent and drawn,
The lovely nightingale has flown through it.
If you wish to have the lovely nightingale back,
Then you must carry the wreath in your hands.
May you have harvested as many bushels of wheat
As the little grains we carry on this wreath.

Or:

We bring you the harvest wreath,
It is planted with wheat,
Not with wheat alone,
Other pretty flowers are in it too.
We have bound it and turned it about,
Sometimes running back and forth.

Now we wish Sir N. N. as many ears this year, as sheaves next year; as many sheaves next year, as many stooks and shocks standing in the field. (Groß Peterwitz near Neumarkt.)

In the Neumarkt district an eight-verse song is sung; in the Oels district (Klein-Ellguth) a shorter one, beginning:

With loud rejoicing we bring
The beautiful harvest wreath;
Adorned with full ears it shines here
Even brighter than gold;
cf. Mitteil. IX, 85 f.

Then the head mower or thresh-master gives a short address to the gracious lord and lady, drinks to the health and prosperity of the farm amid a fanfare, and proposes a toast to the master and mistress. Everyone then sings a hymn, or "Great God, we praise Thee!" Once the master has replied to the address and handed the chief participants a monetary gift (the "harvest gift"), the procession moves on toward a threshing floor or open square. The band strikes up a polonaise. The head farmhand or lead mower fetches the lady of the house, the head maid fetches the master or the estate official, and soon everyone is dancing. Often some old dances are also performed, such as the Cossack dance — consisting of marching forward and backward — or the "old German," the barber's dance, the "hen-scratch," and others. Przbl. 1864, 707. Later, dancing usually continues for everyone at the village inn.

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