Original
Der Mönch und die Nonne.
Ein Jüngling zu Breslau, mit Namen Palisius, fühlte sich berufen, der Welt zu entsagen und das Gelübde der Keuschheit abzulegen. Es war dies aber zu der Zeit gleich nach Einführung des Christenthums und es fehlte in Breslau sowohl an einem bereits bestehenden Orden, als auch an Geistlichen, welche das Gelübde entgegen nehmen konnten. Zur selben Zeit beabsichtigte auch eine achtzehnjährige Jungfrau das Gelübde der Keuschheit abzulegen. In Ermangelung eines Geistlichen erschienen die beiden vor dem weltlichen Rath, der auf dem Rathhause versammelt war. Als der Jüngling und die Jungfrau einander erblickten, merkten beide wohl, daß sie sich zu einander hingezogen fühlten, aber keiner wagte von seinem Entschlusse zurückzutreten. Falsche Scham siegte und sie weihten sich ewig dem Himmel, aber es war ein falscher Schwur, den die beiden geschworen, denn sie empfanden Liebe zu einander.
Die jungen Ordensleute wohnten in einem Hause, jedoch räumlich getrennt. Heftige Sehnsucht ließ ihnen keine Ruh und die beiden Liebenden wußten es möglich zu machen, daß sie einander sprechen konnten. Sie wußten, das die Uebertretung des Gelübdes den Tod nach sich zog, aber die entbrannte Liebe, die um so begehrlicher wurde, als sie nur im Geheimen und mit Gefahr einander sich nähern konnten, ließ sie Alles vergessen. Palisius, der junge Mönch, besuchte nächtlicherweise die Nonne, und sie überließen sich der süßen Lust und dem Glücke, das Liebende vereint, aber dieses sollte ihnen auch zum Verräther werden. Nicht lange darauf wurde die Nonne in den Kerker geworfen und später auf die Folter gebracht, bis sie Alles eingestand. Durch Richterspruch wurde diese sowie der junge Mönch zum Tode durch Einmauerung verurtheilt, welches Urtheil auch vollstreckt wurde. Zur bleibenden Erinnerung wurden zwei Steinplatten mit den Bildnissen der beiden Unglücklichen an die Oeffnung gesetzt. Das alte Rathhaus hat die Steinbilder bis auf den heutigen Tag bewahrt, doch sind diese halb erloschen und daher schwer zu erkennen. Die weibliche Gestalt zieht einen Ring vom Finger, den sie der männlichen überreichen zu wollen scheint.
Translation
The Monk and the Nun.
A young man in Breslau, named Palisius, felt called to renounce the world and take the vow of chastity. This was, however, at the time shortly after the introduction of Christianity, and Breslau still lacked both an established order and clergy who could receive such a vow. At the same time, an eighteen-year-old maiden also intended to take the vow of chastity. For want of a clergyman, the two appeared before the secular council, assembled at the town hall. When the young man and the maiden caught sight of one another, both sensed clearly that they were drawn to each other, but neither dared to withdraw from his resolve. False shame prevailed, and they consecrated themselves forever to Heaven — but it was a false oath the two swore, for they felt love for one another.
The young members of the order lived in one house, though separated by space. Fierce longing gave them no peace, and the two lovers found a way to make it possible to speak with each other. They knew that breaking the vow carried death as its consequence, but the burning love, which grew only more ardent as they could approach each other solely in secret and at risk, made them forget everything. Palisius, the young monk, visited the nun by night, and they gave themselves over to the sweet delight and happiness that unites lovers — but this, too, was to betray them. Not long after, the nun was thrown into the dungeon and later brought to the torture chamber, until she confessed everything. By judicial sentence, she, along with the young monk, was condemned to death by being walled up alive, and the sentence was also carried out. As a lasting memorial, two stone slabs bearing the likenesses of the two unfortunates were set into the opening. The old town hall has preserved the stone images to this day, though they are half worn away and therefore hard to make out. The female figure is drawing a ring from her finger, which she seems to wish to hand to the male figure.
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