Silesian Folk Belief

Der Teufel in der Medizinflasche

Ludwig Grabiński, Die Sagen, der Aberglaube und abergläubische Sitten in Schlesien. Mit einem Anhang über Prophezeihungen. Schweidnitz: Brieger & Gilbers, [1886], pp. 25–26.

Original

Der Teufel in der Medizinflasche.

In einem Walde waren mehrere Arbeiter mit dem Fällen von Baumstämmen beschäftigt. Es war damals gerade ein Nothjahr und die Holzarbeiter hatten aus verfaulten Kartoffeln gebackene Brötchen, nach Art der Kuchen, mitgenommen, welche für die Mittagsmahlzeit bestimmt waren. Die Wohnungen lagen zu weit entfernt, um in der Mittagsstunde dahin gehen zu können. Daß eine so einfache, leichte und ungesunde Kost keine Kräfte geben konnte, war natürlich, und doch mußten die Arbeiter dabei recht schwer arbeiten, um Geld zu verdienen und dafür ihren Familien Brot zu kaufen.

Eines Tages saßen die ermatteten Holzarbeiter unter einer Kiefer, um von der harten Arbeit ein wenig auszuruhen und das Mittagbrot zu verzehren. Da bemerkte Einer von ihnen, oben an einem Aste hängend, ein kleines verkorktes Medizinfläschchen, welches aus Neugierde herunter geholt wurde. Aber es befand sich in diesem nichts anderes als ein kleiner unscheinbarer Käfer. Man entkorkte das Fläschchen, und siehe, da kam der Käfer hervor, sein Leib schwoll gewaltig an, bis er die Größe und Gestalt eines kräftigen Mannes erreichte. Gleich ahnte man, daß es niemand anders, als der gute Teufel (Skrzołek) sei. Er benahm sich auch sehr zutraulich und bedankte sich herzlich bei den Arbeitern, daß sie ihn aus dem Fläschchen befreit hatten, worin er schon eine sehr lange Zeit habe zubringen müssen. Als der Teufel sah, daß die Arbeiter den Rest ihres aus den verfaulten Kartoffeln gebackenen Schwarzbrotes verzehrten, da bat er die Arbeiter um ein kleines Stück Brot, weil er gewaltigen Hunger verspüre. Selbst noch nicht gehörig gesättigt, theilten die Holzarbeiter ihren letzten Bissen mit dem Teufel, welcher nun das Erhaltene mit großem Appetit verzehrte.

Die Arbeiter schickten sich hierauf zur Arbeit an, während der Teufel in das hohe Gras im Schatten sich niederstreckte und schlief. Mühselig und langsam ging die Arbeit von statten. Die Sonne stand bereits am Untergange und doch hatten die Arbeiter heute so wenig gethan. Das war kein guter Trost für dieselben, denn der Wochenlohn mußte sehr kärglich ausfallen.

Gegen Abend erwachte der Teufel, sah die bekümmerten Gesichter der Holzarbeiter, fragte nach der Ursache ihres Kummers, und diese klagten ihm nun ihr Leid. „Dem Dinge ist abzuhelfen!“ tröstete der Teufel. „Ich habe bis jetzt geschlafen, während ihr gearbeitet habt, und nun werde ich jetzt arbeiten und ihr mögt euch schlafen legen“. Auf den Einwand der Arbeiter, daß Einer doch nicht imstande sei, Holz zu fällen, erwiderte der Teufel, daß das seine Sache sei und daß er seines Helfers bedürfe. Die Arbeiter waren damit zufrieden, lagerten sich auf weichem Moos und bald schliefen sie ein.

Nun ging die Arbeit los. Der Teufel, ohne sich viel um Art und Säge zu kümmern, faßte mit jeder Hand je einen Baum am Wipfel und zog diese sammt dem Wurzelstock wie Roggenhalme heraus. Wiederum erfaßte er zwei andere Bäume und auch diese lagen bald am Boden, und so durcheilte der Teufel wie im Fluge den Wald, überall die mächtigsten Baumriesen zu Boden werfend. Kaum war eine Stunde vergangen, als der Teufel den letzten Baum herauszog und zu den übrigen legte. Die ganze Kontraktarbeit, die für ein volles Jahr berechnet war, war gethan, alle Baumstämme lagen auf dem Haufen, geordnet und sortirt.

Jetzt weckte der Teufel die Arbeiter, die sich den Schlaf aus den müden Augen rieben und vor Staunen und Ueberraschung über das Werk des kurzen Zeitraums sich kaum zu fassen vermochten. Der Teufel aber reichte den verwunderten Arbeitern die Hand zum Abschied und verschwand im Walde unter gewaltigem Geraffel.

Den Arbeitern war nun in diesem Nothjahre geholfen.

Translation

The Devil in the Medicine Bottle.

In a forest several workers were busy felling tree trunks. It was, at that time, a year of great want, and the woodcutters had brought along little rolls baked from rotten potatoes, in the manner of cakes, meant for their midday meal. Their homes lay too far away for them to go there during the lunch hour. That such simple, meagre and unwholesome fare could give no strength was only natural, and yet the workers had to labour quite hard, in order to earn money and buy bread for their families with it.

One day the exhausted woodcutters were sitting beneath a pine tree, to rest a little from the hard work and eat their midday bread. Then one of them noticed, hanging from a branch above, a small corked medicine bottle, which was fetched down out of curiosity. But there was nothing inside it but a small, inconspicuous beetle. They uncorked the bottle, and behold, out came the beetle — its body swelled up enormously, until it reached the size and shape of a strong man. At once they suspected that this could be none other than the good-natured Devil (the Skrzołek). He behaved himself, too, in a very trusting manner, and thanked the workers warmly for having freed him from the bottle, in which he had already had to spend a very long time. When the Devil saw that the workers were eating the remains of their black bread baked from rotten potatoes, he asked the workers for a small piece of bread, since he felt tremendous hunger. Though not yet properly filled themselves, the woodcutters shared their last morsel with the Devil, who then devoured what he had been given with great appetite.

The workers then set about their work again, while the Devil stretched himself out in the tall grass in the shade and fell asleep. The work went slowly and laboriously. The sun was already setting, and yet the workers had accomplished so little that day. That was small comfort to them, for their weekly wages would turn out very meagre indeed.

Towards evening the Devil awoke, saw the troubled faces of the woodcutters, asked the cause of their distress, and they now poured out their grievance to him. "That's easily remedied!" the Devil comforted them. "I have been sleeping until now, while you worked, and now I shall work, and you may lie down and sleep." When the workers objected that surely one man alone could not be capable of felling timber, the Devil replied that that was his own affair, and that he needed no helper. The workers were content with this, lay down on the soft moss, and soon fell asleep.

Now the work began. The Devil, without troubling himself much over axe or saw, seized a tree by its crown with each hand and pulled them out, roots and all, as if they were stalks of rye. Once again he seized two more trees, and these too soon lay upon the ground, and so the Devil raced through the forest as if in flight, everywhere hurling the mightiest giants of trees to the earth. Scarcely an hour had passed before the Devil pulled out the last tree and laid it with the rest. The entire contracted work, which had been reckoned to take a full year, was done; all the tree trunks lay in a pile, arranged and sorted.

Now the Devil woke the workers, who rubbed the sleep from their weary eyes and could scarcely comprehend, for astonishment and surprise, the work of so short a span of time. But the Devil extended his hand in farewell to the astonished workers and vanished into the forest amid a tremendous clatter.

The workers had, in this year of want, thus been helped.

More