Original
15. Unter den Trümmern der Burg Reichenstein bei Jauernig sollen große Schätze verborgen liegen.
Davon hörte auch einst ein armer Webergehilfe, und er beschloß, den vergrabenen Reichtum zu heben. An einem Palmſonntage unter der Paſſion machte er ſich ans Werk. Vom Gipfel des Trümmerhauſens ließ er eine Wünſchelrute ſpringen, welche vor ein kellerartiges Gewölbe fiel. Da begann er nun zu graben. Doch hatte er kaum die erſten Hackenſchläge getan, ſo kam unter den Trümmern eine rieſige Schlange hervor, die in ihrem Rachen einen goldenen Schlüſſel trug. Voll Entſetzen warf er die Hacke weg und wie gebannt ſtarrte er das Ungetüm an. Doch dieſes ſprach: „Habe keine Angſt vor mir, denn wenn du die Schätze haben willſt, dann brauchſt du ſonſt nichts als Mut zu beweiſen. Entkleide dich nun, und beſitzeſt du die Kraft, keinen Laut von dir zu geben, wenn ich mich an deinem nackten Körper hinaufwinde, um dir den Schlüſſel in den Mund zu reichen, ſo haſt du mich nicht nur erlöſt — denn ich bin eine verwunſchene Jungfrau — ſondern du gelangſt auch in den Beſitz der ungeheuren Schätze, die im Kellergewölbe der Ruine, in einer eiſernen Truhe verborgen ſind, deren kunſtvolles Schloß der goldene Schlüſſel hier öffnet." Die Habgier überwand den Ekel, und der Webergeſelle entkleidete ſich.
Die Schlange wand ſich nun langſam an ihm hinauf. Doch als ihr kalter, ſchlüpfriger Körper an ſein Herz kam, da ſtieß er einen markerſchütternden Schrei aus, und in dieſem Augenblicke war auch die Schlange ſpurlos verſchwunden.
Kalter Schweiß ſtand ihm auf der Stirne, als er voll Entſetzen nach Hauſe kam. Nur in abgeriſſenen Sätzen konnte er ſein beſtandenes Abenteuer erzählen, denn die Fieberhitze raſte ſchon in ſeinem Hirn und warf ihn auf das Lager, von dem er nicht mehr aufſtehen ſollte — er mußte ſeine Habgier mit dem Leben bezahlen.
Translation
15. Great treasures are said to lie hidden beneath the ruins of Reichenstein Castle near Jauernig.
A poor weaver's journeyman once heard of this too, and resolved to raise the buried riches. On a Palm Sunday during Passiontide, he set to work. From the top of the rubble heap he let a dowsing rod swing, which fell before a cellar-like vault. So he began to dig. But he had scarcely made the first strikes of his pick when a huge serpent emerged from the ruins, carrying a golden key in its jaws. Filled with horror, he threw down his pick and stared at the monster as if spellbound. But it spoke: "Do not fear me, for if you want the treasures, all you need do is prove your courage. Undress now, and if you have the strength to utter no sound while I wind my way up your naked body to place the key in your mouth, then you will not only have redeemed me — for I am an enchanted maiden — but you will also come into possession of the immense treasures hidden in an iron chest in the ruin's cellar vault, whose ornate lock this golden key unlocks." Greed overcame his revulsion, and the weaver's journeyman undressed.
The serpent then slowly wound its way up him. But when its cold, slippery body reached his heart, he let out a bloodcurdling scream, and in that instant the serpent vanished without a trace.
Cold sweat stood on his brow as he came home in utter horror. He could only tell of his ordeal in broken fragments, for a feverish delirium was already raging in his mind and threw him onto his bed, from which he would never rise again — he had to pay for his greed with his life.
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