Silesian Folk Belief

Liebe und Ehe als Geschäftssache

Schlesiens volkstümliche Überlieferungen. Sammlungen und Studien der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde. Bd. 2, Tl. 1: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. Leipzig: B. G. Teubner, 1903. pp. 223–224.

Original

252. Es ist Sitte, wenn die Alten sich zur Ruhe setzen, ins Ausgedinge, auf den Auszug gehen, daß gewöhnlich der jüngste Sohn die Stammwirtschaft erhält; die andern Kinder werden abgefunden. Die Söhne werden irgendwie mit einem Mädchen oder einer Witwe verheiratet, die eine Wirtschaft hat, und erhalten außer der Abfindungssumme noch ein Pferd, eine Kuh und ein oder zwei Schweine als elterlichen Segen mit in den neuen Wirkungskreis, die Töchter warten auf wirtschaftbesitzende Heiratskandidaten. „Der deutsche Bauer ist eine schrecklich materielle, praktische Größe. Die Ehe ist ein reines Geschäft." Diese Worte Max Waldaus, Nach der Natur II 270, 273, treffen, abgesehen von der ihnen anhaftenden Bitterkeit, den Nagel auf den Kopf. Wünscht man auch dann und wann, daß auch das Herz in Liebe und Ehe mitspreche, so daß man von einem Mädchen, das nach Geld heiratet und nur auf den Ackerbesitz des Zukünftigen sieht, tadelnd sagt: „Sie sieht auf den Plan und nicht auf den Mann", so ist doch in den weitaus meisten Fällen die Eheschließung weniger eine Herzensangelegenheit als eine Geschäftssache. Man meint mit dem Priezelt-Bäcker in Max Heinzels köstlichem Verzählsel „'s Julerle vum Prizelte": „Die Liebe ist gleiserwull ok a tummes Gefindsche. Doas Gufcheln, doas Uemoarmeln — doas is Oll's ok fur a paar Buchen". Schönheit ist nicht unbedingt notwendig; Hauptsache ist Vermögen und Wirtschaftlichkeit. „Die schienste Schienheit is' 's Geld — doas verblüht ni, doas lät nie ei — eeb hundert, aber tausend Jahre vergiehn", sagt ein Alter bei Heinzel. Nach einem solchen Mädchen sieht sich der Heiratslustige um und geht dabei vorsichtig zu Werke.

Translation

252. It is customary, when the old folk retire and hand over the farm — the farmer's life interest, into retirement — for the youngest son usually to inherit the family holding; the other children are paid off. The sons are somehow married off to a girl or a widow who has a farm, and beyond their settlement money they also receive a horse, a cow, and one or two pigs as a parting blessing from their parents to take into their new life; the daughters wait for marriage candidates who own a farm. "The German peasant is a terribly material, practical creature. Marriage is a pure business matter." These words of Max Waldau, from Nach der Natur II 270, 273, hit the nail on the head, bitterness aside. Even though one might occasionally wish that the heart, too, had a say in love and marriage — so that people disparagingly say of a girl who marries for money and looks only at her intended's landholding, "She looks at the plot, not the man" — in by far the most cases, marriage is less a matter of the heart than a matter of business. One is reminded of the pretzel-baker in Max Heinzel's charming tale "'s Julerle vum Prizelte": "Love is just glitter and foolishness. All that kissing and embracing — it's only good for a couple of beatings." Beauty is not strictly necessary; what matters is property and thrift. "The finest beauty is money — it never fades, it never withers — a hundred, even a thousand years may pass," says an old man in Heinzel's tale. It is such a girl that the marriage-minded man looks out for, and he goes about it carefully.

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