Silesian Folk Belief

Die Räuber in der Feldmühle zu Neunz bei Neisse

Richard Kuehnau, Oberschlesische Sagen geschichtlicher Art, Schlesisches Volkstum. Quellen und Arbeiten der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, ed. Theodor Siebs, vol. 2. Ferdinand Hirt, Breslau 1926, no. 351, part IV “Sagen von Personen und Geschehnissen”, pp. 332–333. — Kreis Neisse. Collector's note: from oral tradition, after August Kastner, Neisser Gymnasialprogramm 1845, p. 20 f.

Original

Die Neunzer Feldmühle war früher der Aufenthalt gefürchteter Räuber.

Als einmal in einem bäuerlichen Hauſe zu Neunz viele Leute, Mädchen und junge Burſchen, bei einem Spinnabende verſammelt waren, da wurden, wie üblich, allerhand Schauergeſchichten erzählt. Natürlich ſpielte die Feldmühle eine Hauptrolle, ſie war ja ſo nahe, und nur leiſe wagte man den gefährlichen Ort und ſeine unheimlichen Bewohner zu erwähnen. Da war nun eine Magd unter den Anweſenden, die dreiſt genug auftrat und ſich erbot, auf der Stelle in derſelben Nacht nach der gefürchteten Räubermühle zu gehen. Als ſie ungläubigen Stimmen begegnete, da wollte ſie zum Beweiſe, daß ſie dort geweſen ſei, ein ſicheres Wahrzeichen mitbringen, dafür bat ſie ſich eine Belohnung aus. Man ſolle ihr aber die Tür offen laſſen, daß ſie bei ihrer Rückkehr gleich ins Haus treten könne und nicht erſt zu klopfen brauche. Es ſchien, als ob ſie eine Verfolgung befürchtete. Die Rockengänger verſprachen ihr den ausbedungenen Lohn, ſie ging und ließ die andern in geſpannter Erwartung zurück.

Als ſie das Gehöft der Mühle erreicht hatte, kroch ſie durch eine ihr wohlbekannte Öffnung hinein, nahm den gewünſchten Gegenſtand und eilte wieder fort. Aber wenn ſie geglaubt hatte, daß die Räuber ſie nicht bemerken würden, ſo hatte ſie ſich getäuſcht. Entweder hatte das Gebahren eines Hundes oder ein auffälliges Geräuſch ſie verraten, die Räuber erkannten, daß eine fremde Perſon dageweſen war, entdeckten ihre Spur und verfolgten ſie. Zwar hatte das kühne Mädchen einen weiten Vorſprung, und ſie lief, was ſie laufen konnte, aber einer der Räuber war ſchneller. Gerade hatte ſie die Tür des Hauſes erreicht, zum Glück war ſie offen, wie ſie ausgemacht hatte. Davon hing ihr Leben ab; denn während ſie ins Haus ſtürzte, führte der verfolgende Räuber einen furchtbaren Schwertſtreich gegen ſie. Er war aber unſicher geführt und drang tief in den Türpfoſten ein, während das Mädchen halb ohnmächtig den Harrenden in die Arme ſtürzte. Sie war gerettet.

Die Spur des Hiebes war bis vor nicht vielen Jahren noch zu ſehen, ſie war das beſte Wahrzeichen ihrer Verwegenheit, und die Kunde davon erbte von Beſitzer zu Beſitzer fort. Mit dem Neubau des Hauſes iſt ſie endlich verſchwunden.

Translation

The field mill at Neunz was once the haunt of feared robbers.

When many people, girls and young lads, were gathered one evening at a spinning bee in a peasant house at Neunz, all sorts of horror stories were told, as was the custom. The field mill naturally played the leading part — it was so very close by — and only in low voices did anyone dare mention the dangerous place and its sinister inhabitants. Now there was a maid among those present who came forward boldly enough and offered to go that very night to the dreaded robbers' mill. When she met with disbelieving voices, she said that as proof of having been there she would bring back a sure token, and for this she asked a reward. They were to leave the door open for her, however, so that on her return she could step straight into the house and not have to knock first. It seemed as though she feared being pursued. The spinners promised her the agreed reward; she went, and left the others in tense expectation.

When she had reached the yard of the mill, she crept in through an opening well known to her, took the object she wanted and hurried away again. But if she had believed the robbers would not notice her, she was mistaken. Either the behaviour of a dog or some conspicuous noise had betrayed her; the robbers realised that a stranger had been there, found her trail and pursued her. The bold girl did indeed have a long head start, and she ran as fast as she could run, but one of the robbers was faster. She had just reached the door of the house — luckily it stood open, as had been arranged. Her life hung on it; for as she rushed into the house, the pursuing robber struck a terrible sword blow at her. But it was badly aimed and drove deep into the doorpost, while the girl, half fainting, fell into the arms of those waiting for her. She was saved.

The mark of the blow could still be seen until not many years ago; it was the best token of her daring, and the tale of it passed on from owner to owner. With the rebuilding of the house it has finally disappeared.

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